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Am Sonntag, dem Morgen nach der Hochzeit von Nicoles Tochter, saßen wir in einem Basler Hotel beim Frühstück. Ein bisschen müde, ein bisschen aufgekratzt.
Ich hatte Hunger und ging Richtung Buffet. Über den Brotkörben hing eine Baumscheibe, der Querschnitt eines alten Olivenbaumes. Der Anblick hielt mich kurz fest. Jahresringe sind stumm, geduldig und ehrlich.
Was Jahresringe über das Leben erzählen
Wer altes Holz betrachtet, sieht mehr als Holz. Er sieht Zeit. Enge und breite Jahresringe. Heiße und kalte Jahre. Trockenheit, Sturm, Wachstum, Stillstand. Alles eingraviert im Stamm, in sein Leben.
Vielleicht haben auch Menschen Jahresringe. Nicht sichtbar, aber vorhanden. Erfahrungen, Brüche, Entscheidungen, Ängste und Zuversicht – sie zeichnen uns, wie Wetter und Jahreszeiten einen Baum.
Resilienz wächst durch Brüche
Bemerkenswert ist: Ein Baum, der völlig windstill und perfekt bewässert wächst, entwickelt oft weiches Holz. Erst der Wind erzeugt Spannkraft. Erst Trockenheit verdichtet Strukturen.
Beim Menschen scheint es ähnlich zu sein. Resilienz entsteht selten im Schonwaschgang. Sie wächst, wo man mit Unsicherheit umgehen muss. Mit Brüchen. Mit Veränderungen. Mit Enttäuschung.
Natürlich stimmt auch das Gegenteil: Zu viel Belastung kann zerstören. Auf nacktem Fels bleibt ein Baum krumm und klein. Es geht nicht um die Verherrlichung von Härte. Eher um die leise Einsicht, dass nicht jede Schwierigkeit sinnlos ist.
Die Kunst des Älterwerdens: tragfähig statt makellos
Die stabilsten Menschen sind nicht die härtesten. Sie sind die beweglichsten – jene, die gelernt haben, sich im Wind zu biegen, ohne zu brechen.
Vielleicht ist das die eigentliche Kunst des Älterwerdens: nicht makellos zu bleiben, sondern tragfähig. Mit allen Jahresringen, die uns dorthin gebracht haben.