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Mein Freund Micha schlug vor, am Samstagabend einen neuen Film anzuschauen. Drei Stunden monumentales Hollywoodkino. „Odysseus“ ist ein Stoff, der mich seit der Schule beschäftigt. Ich hatte einmal versucht, die Versfassung zu lesen, scheiterte aber. Schwere Kost. Darum zögerte ich nicht lange. Zu viert zogen wir, bewaffnet mit Popcorn und Cola, in den großen Kinosaal ein.
Unsere Plätze lagen in der obersten Reihe. Tatjana hatte sie so ausgesucht, dass ich genug Beinfreiheit habe. So viel Rücksichtnahme hätte ich gar nicht erwartet. Nicht nur deshalb freute ich mich auf den Kinoabend.
Der Saal war gut gefüllt. Rechts neben mir saß ein Mann, etwas jünger als ich, mit einer Frau. Noch während des Vorprogramms blaffte er mich an, ob ich auch während des Films zu essen plane. Auf meine Frage, warum ihn das interessiere, erntete ich eine wütende Tirade und die Mitteilung, ich solle leiser in die Tüte greifen und nicht wie ein Schwein fressen. Wenn ich das nicht ändere, würde er sie mir wegnehmen.
Ohne weitere Diskussion griff er schwungvoll in meine Popcorntüte und holte eine Handvoll heraus.
Innerhalb einer Minute wechselte ich von erschrocken über perplex zu wütend.
Ich bin kein aggressiver Mensch. Im Gegenteil. Allerdings bekam ich in der Armee eines Landes, das es nicht mehr gibt, umfassende Nahkampffähigkeiten vermittelt. Das verleiht meinem Auftreten seitdem eine gewisse Selbstsicherheit. Dies in Zusammenhang mit fast zwei Metern Körpergröße und etwas über 100 Kilo Kampfgewicht führt dazu, dass ich äußerst selten angemacht werde.
Es gibt für mich also nur selten einen Grund, aggressiv zu werden. Greift mir aber jemand auf diese Art in die Popcorntüte, gehen alle Lampen an. Dann spannt sich meine Muskulatur blitzartig, und ich prüfe die Optionen.
Gerade waren sie ausgezeichnet. Der Mann war deutlich kleiner, saß rechts neben mir und pumpte vor Aufregung wie ein Maikäfer. Die perfekte Position für einen Ellenbogenstoß. Explosive Drehung des Oberkörpers, Schwung aus der Schulter – kaum Abwehrmöglichkeiten.
Träfe ich einigermaßen, wäre die Sache entschieden: Bei der ersten Aktion so viel Schmerz zufügen, dass jeder Gedanke an Gegenwehr erstirbt. So hatten wir es gelernt. Und die wenigen Male, in denen ich mich verteidigen musste, hatte dieser Grundsatz funktioniert.
Ich war wütend und bereit. Bei der nächsten blöden Aktion ginge der Typ zu Boden – trotz vollem Kino.
Nicole erschrak. Sie stand auf und meldete den Vorfall beim Kinopersonal.
Mein Nachbar saß da, das Popcorn, das er meiner Tüte entnommen hatte, in der Hand und wusste nicht so recht, was er damit anfangen sollte.
„Wohin?“, fragte er.
Ich erklärte ihm mit gedämpfter Stimme, dass er sich das Zeug dorthin schieben könne, wo keine Sonne scheint.
In diesem Moment bemerkte er wohl trotz des Dämmerlichts meinen Alarmzustand und lief zum Papierkorb. Danach setzte er sich wieder neben mich. Ich sah ihn an. Er wandte sich der Dame neben ihm zu, diskutierte aufgeregt, dann standen beide auf und verließen das Kino.
Der erste Gedanke, der in mir hochkam, war ein Anflug von „Schade“. Es war nur ein Moment. Trotzdem.
Sofort erschrak ich über mich selbst.
Ein Rückfall in eine Zeit, in der ich jünger war und die Zündschnur kürzer, wäre kompletter Blödsinn gewesen. Wahrscheinlich hätte ich dem Mann sehr wehgetan. Ärger, Polizei, die Frage, wer angefangen hat, mögliche Verletzungen – all das.
Wer weiß, warum er so aggressiv war? Vielleicht war er eigentlich ein netter Kerl, der nur einen Scheißtag hatte und nun ging ihm das Gekruschel der Tüte auf die Nerven. Er hätte seinem Unmut ja einigermaßen freundlich Luft machen können.
Der Film war übrigens sehr gut. Eine tolle Actiongeschichte mit Weisheit, Ehre, Stolz und Gewalt – alles, was es braucht, um den Kinobesucher mit leichtem Herzen und Freude nach Hause zu entlassen.
Auf der Leinwand wirkt das groß. Im Kinosessel wären die Männlichkeitsriten vor allem dumm gewesen.
Mein Sitznachbar hat den Film leider nicht gesehen und so das Happy End verpasst. Schade für ihn. Wahrscheinlich aber gut für uns beide.
Ich bin 62 Jahre alt. Und immer noch ein Hitzkopf. Zumindest manchmal.
Bild: „Spilled popcorn bucket on a dark movie theater floor“ von Andrii Solok, Unsplash. https://unsplash.com/photos/spilled-popcorn-bucket-on-a-dark-movie-theater-floor-0JKnQPebXSw