Unendlichkeit – Das Dritte Drittel

Unendlichkeit

6,45 Uhr morgens. Unsere Maschine beginnt mit dem Landeanflug auf Wellington. Es ist der frühen Stunde geschuldet, dass ich einem fantastischen Spektakel beiwohnen darf.

Links von mir teilt ein Streifen Blau die Schwärze der Nacht. Kurz darauf schiebt sich Orange zwischen das Dunkel des Meeres und den Himmel und alles zusammen formt den Horizont. Immer schneller wächst aus diesem schmalen Band der neue Tag. Ich drücke mein Gesicht an das kalte Fenster des Fliegers und vergesse wo ich bin. Schaue ich nach Westen, sehe ich nichts außer Dunkelheit. Trotz meiner 1,96m Größe fühl ich mich klein, winzig sogar und unbedeutend – Demut nennt man dieses Gefühl wohl.

Das Flugzeug befindet sich an der Grenze zwischen Tag und Nacht, zwischen heute und gestern. Aus dieser Perspektive ist es leichter große Dinge zu begreifen. Die unterschiedliche Bedeutung der Begriffe Endlichkeit und Unendlichkeit zum Beispiel. Unendlichkeit ist ein faszinierendes Konzept, das uns Menschen überfordert. Wir sind endlich, unser Verstand damit ausgestattet in überschaubaren Kategorien zu denken. Gott oder Götter helfen dabei, das Unbegreifliche begreifbar zu machen. Für die Gläubigen jedenfalls.

Ich glaube nicht an Gott, trotzdem berührt mich der Gedanke an die Unendlichkeit. An Grenzenlosigkeit. An etwas, das kein Ende kennt. Weder im Raum noch in der Zeit. Ich gucke durchs Fenster und sehe den Horizont verschwinden. Kein Anfang. Kein Ende. Nur Weite.

Was bedeutet das für uns Menschen, für unser Leben, für unsere Endlichkeit? Die meisten reagieren auf diese Erkenntnis mit Verdrängung. Zu bedrohlich, zu groß, zu wenig greifbar. Und doch: Wer einmal wirklich innehält und auf die Unendlichkeit schaut, dem verändert sich der Blick auf das eigene, kleine, kostbare Leben.

Wir landen. Wellington empfängt uns mit Wind und Wolken. Die Endlichkeit des Alltags holt mich zurück. Aber das Bild vom Horizont bleibt.

Danke fürs Zuhören, Jue

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