Bin ich alt? – Das Dritte Drittel

Bin ich alt?

Mein fünfzigster Geburtstag naht mit großen Schritten. In wenigen Wochen ist es soweit. Und ich stelle mir diese Frage ernsthaft: Bin ich alt?

Die Antwort ist komplizierter, als ich dachte. Körperlich: Ja, manches geht nicht mehr so leicht wie früher. Der Rücken meldet sich öfter. Das Aufstehen aus tiefen Sofas erfordert eine gewisse Entschlossenheit. Ich brauche eine Lesebrille. All das sind unbestreitbare Fakten des Älterwerdens.

Aber innerlich? Da sieht die Sache anders aus. Ich fühle mich nicht wie jemand, der »alt« ist. Ich bin neugieriger als je zuvor. Ich lerne neue Dinge. Ich habe vor einem Jahr meine Komfortzone verlassen und tue Dinge, die ich mit zwanzig nicht gemacht hätte.

Die Gesellschaft hat eine klare Vorstellung davon, was man mit fünfzig zu sein hat. Man hat Haus und Garten, Rente ist geplant, Kinder sind groß, man wird langsamer. Man ist auf der Zielgeraden. Die beste Zeit liegt hinter einem.

Das stimmt nicht. Es kann nicht stimmen. Es darf nicht stimmen.

Ich habe in den letzten Jahren Menschen getroffen, die mit siebzig jünger wirkten als manche Dreißigjährige, die ich kenne. Und ich habe Menschen getroffen, die mit vierzig innerlich schon aufgehört hatten zu leben, auch wenn der Körper noch weiterging.

Alter ist eine Haltung. Nicht ausschließlich, aber zum großen Teil. Man kann sich dafür entscheiden, das Leben als Abwärtsbewegung zu sehen – oder als Fortsetzung. Als das dritte Drittel, das noch viele Möglichkeiten enthält.

Bin ich alt? Ich bin fünfzig. Das ist ein Unterschied.

Danke fürs Zuhören, Jue

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