Ich sitze in einem Café in der Innenstadt von Auckland. Draußen zieht das Leben vorbei. Manchmal beobachte ich die Menschen. Nicht voyeuristisch, eher neugierig. Es ist diese Neugier, die mich zu einem seltsamen Gedankenspiel verleitet hat.
Da drüben parkt ein roter BMW. Nagelneues Modell, teuer, auffällig. Der Fahrer steigt aus. Er ist korpulent, trägt einen teuren Anzug, hat das Handy am Ohr – er telefoniert, während er geht, grüßt niemanden, schaut nicht nach rechts oder links. Er ist wichtig. Das teilt er der Welt mit, ohne ein Wort zu sagen.
Ich kenne diesen Mann. Nicht persönlich, aber ich kenne ihn. Denn ich war er einmal. Oder zumindest nah dran.
Der rote BMW war bei mir eine silberne E-Klasse. Der teure Anzug war maßgeschneidert. Das Handy war immer an. Die Wichtigkeit war selbst auferlegt, selbst erzeugt, selbst geglaubt. Was mir damals nicht klar war: Niemand sonst glaubte daran. Oder wenn, dann aus den falschen Gründen.
Was treibt diesen Mann an? Was treibt uns an, zu zeigen was wir haben, was wir verdienen, was wir wert sind? Ich glaube, es ist Angst. Angst, nicht gesehen zu werden. Angst, nicht zu genügen. Angst, leer zu sein, wenn der Lärm des Lebens aufhört.
Der dicke Mann im roten BMW ist vielleicht der reichste Mensch in dieser Straße. Er ist vielleicht auch der einsamste.
Das Café ist voll. Menschen lachen, reden, trinken Kaffee. Niemand schaut auf den BMW. Niemand schaut auf den Mann. Er hat die Straße überquert und ist in einem Bürogebäude verschwunden. Das Leben geht weiter.
Ich trinke meinen Flat White aus und denke an das, was wirklich zählt. Und was nicht.
Danke fürs Zuhören, Jue