Was hat dich bewogen auszusteigen? – Das Dritte Drittel

Was hat dich bewogen auszusteigen?

Meine Twitterfollowerin »Ausstiegspunkt« stellte mir kürzlich diese Frage. Da die 140 möglichen Zeichen auf Twitter recht schmal für eine auch nur halbwegs aussagekräftige Antwort sind, nutze ich diesen Blog um mich in einer Erklärung zu versuchen. Vielleicht fällt mir ja in Zukunft noch mehr ein was aufzuschreiben lohnt und zur Rettung der Welt beitragen kann 🙂

Um ehrlich zu sein, ist mir bis vor kurzem nicht in den Sinn gekommen, meinen Schritt raus aus dem bürgerlichen Normalleben als Ausstieg zu bezeichnen, fehlte meinem Entschluss doch jene Romantik, die diesem Thema oft innewohnt. Vielleicht gab es auch niemals einen konkreten »Ausstiegsbeschluss«. Unser Hab und Gut aufzugeben und die Fesseln des täglichen Wahnsinns abzustreifen, entsprang nicht im entferntesten einer abenteuerlustigen oder melancholischen Stimmung. Es gab einen guten Grund dafür.

Ich war krank, und zwar ernsthaft. Über einen langen Zeitraum hatte ich mich systematisch zugrunde gewirtschaftet. Dem Zeitgeist folgend, kämpfte ich für meine Familie und mich tagtäglich um das, was ich in jüngsten Überlegungen mit dem Begriff das »Mehr« bezeichne. Unser Lebensstandard war hoch, auf dem wollten wir bleiben und ihn immer noch ein Stück weiter ausbauen. Auch im Alter sollte genug da sein, vor allem Geld. Genau das trieb mich und führte schließlich in ein Burnout und zu schweren Depressionen.

Während ich mühsam aus diesem Tal emporklomm, kam ich nicht umhin die Sinnhaftigkeit meines Handelns zu hinterfragen. Das Resultat war bedrückend und je länger ich heute auf Reisen bin, desto klarer wird die Erkenntnis. Ich verstehe Tag für Tag mehr, welchen Götzenbildern ich hinterherjagte. Viele 70+ Stundenwochen versetzten mich in die Lage, die neuste E-Klasse von Mercedes zu fahren. Opulente Selbstdarstellungspartys für Unmengen wichtiger Gäste stärkten meine gesellschaftliche Stellung. Mein neues Haus und ich mussten ausschließlich mit Designerwaren ausgestattet werden. Eingespannt in der täglichen Tretmühle und blind den gängigen Konventionen folgend war ich mir über den Sinn und die Notwendigkeit all dessen unzweifelhaft im Klaren.

Erst einige Zeit nach jenem Tag, als ich dem Tod quasi von der Schippe sprang, begann ich zu überlegen, was falsch gelaufen sein konnte und mich an diesen Punkt befördert hatte. Mir blieb gesundheitsbedingt letztlich aber keine andere Wahl als eine komplette Umorientierung. Weg vom schnöden Mammon, hin zu mir selbst. Klingt simpel, fiel mir anfangs trotzdem unglaublich schwer. Der Abschied von den vielen noch unerfüllten Wünschen und Träumen machte wenig Spaß und bedrückte mich oft.

Ich bin heute seit fast einem Jahr raus aus dem Job und aus den Zwängen des Businessalltags. Bis vor vier Monaten war ich krankgeschrieben; ab da auf Reisen. Ich habe auf diesem Trip begonnen, das Geschehen intensiv zu reflektieren und meine Gedanken aufzuschreiben. Das Manuskript hat schon fast Buchumfang erreicht.

Allerdings bin ich erst hier in Asien, wo ich seit einigen Wochen in sehr armen Ländern umherreise und deren Bewohner kennen lerne, dem wirklichen Verstehen näher gekommen. Hier, an diesen wunderschönen und ärmlichen Orten geht es um die Basics des Lebens, das tägliche Essen zum Beispiel oder eine Arztbehandlung zur rechten Zeit. Es geht um ein, zwei Dollar, mit denen man die Familie einen Tag durchbringt und mancherorts sogar um frisches Wasser. Westliche Annehmlichkeiten wie Hygiene oder Gesundheitsvorsorge sind Luxus und der High Society vorbehalten.

Einen größeren Gegensatz zu dem, was mich lange antrieb, kann man sich kaum vorstellen. Und genau im Angesicht dieser Erkenntnis zeigen mir die augenscheinlich Benachteiligten, dass Leben etwas anderes ist, als täglich dem Geld, dem Erfolg oder welchen »Bedürfnissen« auch immer hinterherzujagen. Trotz Armut und Unterprivilegiertheit, trotz Unsicherheit darüber, wo morgen oder spätestens übermorgen das Essen herkommt, ist ihre Lebenslust und die pure Freude am Dasein zu spüren.

Eine Rückbesinnung auf die wirklichen Werte des Lebens und vor allem auf sich selbst würde vielen Mitmenschen die Augen öffnen. Vielleicht begänne man zu begreifen, dass man nicht lebt, um zu arbeiten und zu konsumieren, sondern Erwerbstätigkeit lediglich das Leben ermöglichen und angenehm machen soll. Zahllose Menschen, mich eingeschlossen, haben genau das vergessen.

Gestern Abend wurde mir dies einmal mehr auf wohltuende Weise ins Bewusstsein gerufen. Ich saß mit meiner Frau das erste Mal in unserer 10-jährigen Ehe an einem Strand und sah der im Meer verschwindenden Sonne zu. Warmer Wind streichelte die Haut. Das Rauschen des Meeres bildete eine gänsehautmachende Begleitmusik. Unsere Unterkunft war kein Fünfsternehotel, sondern eine billige, palmblattgedeckte Hütte. Zum Abendessen gab es keine Trüffel, sondern Früchte vom Markt. Es ist einer der simpelsten Plätze, die man sich auf Erden denken kann. Aber es war einer der bisher schönsten gemeinsamen Momente.

Ich weiß, das klingt pathetisch, aber ganz ehrlich, kein Abend auf der Dachterrasse unseres sündhaft teuren Hightechhauses entfachte auch nur einen Teil der diesem Moment innewohnenden Romantik. Der Grund dafür ist simpel: Wir hatten Zeit, diese Dinge zu genießen.

Seitdem ich dies für mich erkannt habe, weiß ich, dass ich richtig bin an dem Platz, an den ich mich gestellt habe, den eines »Aussteigers«. Und ich werde genau das so lange bleiben, bis ich mir im Klaren darüber bin, wie ich ein Leben nach westlichen Normen mit dieser Auffassung vereinen kann.

Danke fürs Zuhören, Jürgen

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