19.07.1988 – Teil 1 – Das Dritte Drittel

19.07.1988 – Teil 1

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Bundesarchiv, Bild 183-1988-0719-38 / Uhlemann, Thomas / CC-BY-SA 3.0

Morgens 10:30 hatte ich die letzte Prüfung meines Studiums in Magdeburg bestanden. Ich war Ingenieur. Erleichterung all over: Darüber, dass die Anstrengung des Lernens fürs Erste vorüber war. Normalerweise hätte man in dem Moment Freude über das Erreichte erwartet. Tatsächlich war ich voll davon, bis zum Rand. Aber im Zentrum des Glücks stand nicht das Diplom, sondern etwas, dass alles in den Schatten stellte, was ich bis dahin erlebt hatte.

Das Glücksgefühl, welches sich seit Wochen steigerte und an dem Tag kulminierte, verursachte ein Rocker: Bruce Springsteen. Durch eine Bekannte hatte ich Karten für sein erstes Konzert im Ostblock ergattert. Bruce war zu dieser Zeit mein absoluter Superstar. Seine LP „Born in the USA“ hörte ich täglich, manchmal fünfmal. Was auch immer ihn in die DDR gebracht hatte, Ost, West, Kalter Krieg, Klassenfeind, Mauer, alles wurscht in diesem Moment.

Bruce’s Songs hatten mich die englische Sprache ordentlich lernen lassen. Born to Run, I’m on Fire, Glory Days, …, ich wollte verstehen, wovon er erzählt, nicht nur die Songtitel. An diesem denkwürdigen Tag würde ich meinem Idol gegenüber stehen.

Die Show begann mit Badlands vom Album Darkness on the Edge of Town. Einer der großen Springsteen-Klassiker. Es geht um das Leid der amerikanischen Arbeiter, die hart schuften, aber kaum vorankommen. Es geht darum, was das Leben verspricht und was es liefert. Es geht um Frustration und um den trotzigen Willen, nicht aufzugeben. Die E-Street Band spielte den ikonischen Intro-Riff. Einmal, zweimal, immer wieder. Bruce stand auf der Bühne und staunte über die Massen. Die mehr als 300.000 Menschen hatten ihm die Sprache verschlagen. Endlich griff er zur Gitarre und begann zu singen. Gänsehaut, Ekstase, keine Ahnung, ich war im Himmel. Rock’n Roll, ich liebe dich.

Als wir fast zwei Stunden später erschöpft in der Wohnung von Freunden ankamen, lief das Ende der „Live“-Übertragung des DDR-Fernsehens (sic.) Das Politbüro hatte offenbar Zeit gebraucht, das Konzert zu „bereinigen“. Bruce hatte geäußert, dass er nicht für eine Regierung gekommen sei, sondern um Rock ‚n‘ Roll zu spielen. Und er hatte seine Hoffnung ausgesprochen, dass eines Tages alle Barrieren abgerissen werden. Derartige „Schmankerl“ fehlten in der „Live“-Übertragung selbstverständlich.

Das Konzert liegt fast 37 Jahre zurück. Meine westgermanischen Brüder und Schwestern können wahrscheinlich nicht ermessen, welchen Stellenwert ein Rockkonzert haben kann. Stell dir vor, du bist vom Mars begeistert, bis kurz vors Delirium. Und dann, eines Tages, kommt Elon und bittet dich, Gast seiner ersten Mission zum Roten Planeten zu sein. So ungefähr war das. Für mich. 

Heute im Dritten Drittel ist das alles nicht mehr als eine Erinnerung. Allerdings eine, die mich immer noch in Wallungen bringt. Beim Schreiben habe ich eben das Album Born to Run gehört, laut. Mein Herz wird nicht alt, nur der Körper.

Warum mir das Thema überhaupt in den Sinn kam, erzähle ich dir im nächsten Blog. Es geht um einen Textteil aus Badlands, der in Anbetracht der Weltlage heute wieder Gewicht bekommt. Wenn du wissen willst, welcher das war: Im 2. Teil erfährst du‘s.

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